Monday, June 13, 2005

Katrins Tag: 29. September 2004

29. September 2004
In den Abendstunden erreicht mich noch Verenas Aufruf, in Christa Wolfs Nachfolge diesen Tag zu beschreiben. Ich hoffe, es erwartet niemand einen englischen Text von mir. Die Idee, auf verschiedenen Kontinenten daran zu arbeiten, finde ich schˆn. Morgen will ich noch Lilo, die ÑAlterspr‰sidentinì unserer Schreibgruppe anrufen, denn sie hat mich schon einmal gefragt, ob wir Christa Wolfs Experiment nicht fortsetzen wollen.
Mein Tag also. Er war kein gewˆhnlicher Arbeitstag f¸r mich, sondern ein Genesungstag. Ich muss etwas weiter ausholen: Letzte Woche Montag bin ich ins Krankenhaus gegangen, weil mein Bauch schmerzte. Ich war schon am Samstag bei der Rettungsstelle gewesen, aus dem gleichen Grund. Die Scherzen waren am Samstag noch gut ertr‰glich gewesen, deshalb f¸hlte ich mich unsicher: ÑRettungsstelleì das klingt gleich so dramatisch! Diese Unsicherheit habe ich wohl auch ausgestrahlt, denn ich wurde wieder nach Hause entlassen, obwohl der Arzt zun‰chst gesagt hatte, man w¸rde mich zur Beobachtung da behalten. Ich war heilfroh, wer bleibt schon gerne im Krankenhaus? Eigentlich hatte ich nur gehofft, aus professionellem Munde zu hˆren, dass alles in Ordnung ist. Leider sind meine Schmerzen aber nicht verschwunden und als ich in der Nacht zu Montag kaum schlafen konnte, bin ich also doch wieder zum Krankenhaus gegangen, diesmal mit gepackter Tasche. Das erwies sich als vern¸nftig, gleich nachmittags kam ich unters Messer und als ich abends aus der Narkose erwachte sagte man mir, dass mein Blinddarm entfernt wurde und bereits geplatzt gewesen sei. Ich blieb fast eine Woche im Krankenhaus. Das war eine ganz neue Erfahrung f¸r mich. Bei aller Dankbarkeit, dass ich gerettet worden war schˆn ist das nicht! Neben mir lag eine todkranke Frau, deren Darminhalt in Plastikbeutel lief und die sich st‰ndig erbrechen musste. Die Krankenschwestern waren zumeist nicht gerade zartf¸hlig und die Tage vergingen kaum weifle Zeit kroch durch das Zimmer und liefl mir Mufle zum Nachdenken. Da war ich nun darauf gestoflen worden, dass ich sterblich bin und dass ich doch verdammt wenig Einfluss darauf habe, wie viel gesunde Zeit mir vergˆnnt ist! Ich nahm mir vor, zuk¸nftig r¸cksichtsvoller meinem Kˆrper gegen¸ber zu sein und ihm zumindest in dem Mafle Gutes zu tun, wie es mir mˆglich ist. Deshalb habe ich mir auch vorgenommen, mich an die Anweisung der ƒrztin zu halten, noch eine Woche krank geschrieben zu bleiben, nachdem ich entlassen wurde. Als Freiberuflerin kann ja nur ich selbst mich krank schreiben und das f‰llt mir nicht so leicht, da viel Arbeit anliegt und ich mich eigentlich nicht mehr krank f¸hle. Trotzdem versuche ich, noch nicht richtig zu arbeiten. Deshalb also verlief der heutige Tag so:

Lilja und Lotta standen fr¸her auf als sonst, weil Lilja vor Schulbeginn zum Mathe-Fˆrderunterricht gehen wollte. Sie hatte in der letzten Woche ein Theaterprojekt mitgemacht und Unterricht vers‰umt, den es aufzuholen galt. Und Lotta ging aus Solidarit‰t und weil sie nicht alleine den Schulweg machen wollte ebenfalls fr¸her hin. Die beiden holten Brˆtchen von unserem B‰cker unten im Nachbarhaus, der noch ganz neu ist und ein unerhˆrter Luxus f¸r uns! Um kurz nach 7 verlieflen die beiden das Haus und ich ging wieder ins Bett. Drauflen regnete es in Strˆmen und der Wind r¸tteltete die Pappel vor dem Fenster. Vom Nussbaum im Hof knallten die Waln¸sse aufs Pflaster. Es wird Herbst! Gegen 8 Uhr klingelte die Nachbarin von unten und brachte mir ein paar Lebensmittel aus ihrem K¸hlschrank, weil die Familie in Urlaub f‰hrt. Ich versuchte es erneut mit schlafen, aber irgendwie war es mir nicht vergˆnnt. Socke, unser Kater, Familienmitglied erst seit zwei Wochen, hatte Langeweile und sprang in unserem Bett herum. Dann rief meine Mutter an und k¸ndigte ihren Besuch am Nachmittag an. Wieder im Bett begann ich Sven zu streicheln und wir probierten zum ersten Mal aus, wie sich Sex ohne Blinddarm anf¸hlt. Alles noch in Ordnung!
Bis wir am Fr¸hst¸ckstisch saflen war es nach 11 Uhr, aber da es kaum heller geworden war f¸hlte sich das gut an. Aus dem Briefkasten unserer Nachbarn, die um die Zeit schon im Flieger nach Griechenland saflen, zog ich die Zitty, unsere Stadtillustrierte, als Lekt¸re zum Brˆtchen. Seit ich aus dem Krankenhaus gekommen bin, schaffe ich nur noch kleine Portionen, mein Magen scheint sich verkleinert zu haben! Radio und Zeitung berichteten von der Freilassung der beiden italienischen Frauen, die als Geiseln im Irak gefangen gehalten worden waren. Endlich mal eine gute Nachricht! Socke lag neben mir oder auf meinem Schofl, schnurrend und zufrieden, ein Musterbeispiel an Gelassenheit!
Dann kam ein Anruf von der Kurt-Schwitters-Oberschule. Das ist die Gesamtschule, die sich auf Grund unserer Elterninitiative dazu entschlossen hat, im n‰chsten Schuljahr einen Montessori-Zweig aufzubauen. Die Sekret‰rin gab mir einen Termin mit der zust‰ndigen Schulstadtr‰tin durch, es soll darum gehen, welche Vorraussetzungen ÑMontessori-Kinderì aus der Grundschule mitbringen.
Gegen 13 Uhr entschloss ich mich zu einem Spaziergang: rund um den Block und an der Post vorbei, um einer Freundin die Jacke zu schicken, die ihr Sohn bei uns liegen liefl als sie zu Besuch waren. Dann nach Kreuzberg r¸ber. Der Blick auf die Spree ist immer wieder schˆn: zur Oberbaumbr¸cke und nach Treptow oder in die andere Richtung nach Mitte und zum roten Rathaus. Ein beeindruckend schwarzer Herbsthimmel! Ich kam jedoch ohne Regen bis zum Weinladen in der Kˆpenicker Strafle, wo ich drei Kilo feinsten Tee kaufte. Wir sind seit 12 Jahren Kunden der ÑTeekampagneì, die r¸ckstandsfreien Darjeeling aus fairem Handel verkauft. Der Tee ist g¸nstig, weil die Teekampagne keine eigenen L‰den und Lager hat. Es gibt ihn nur von September bis Jahresende und man muss sich seinen Vorrat selbst anlegen.
Wieder Daheim war inzwischen Lilja aus der Schule zur¸ck und Sven hatte aus Resten vom Vortag einen leckeren Blumenkohlauflauf gezaubert. Beim Essen erz‰hlte Lilja von ihrer Mathearbeit und wirkte ganz zufrieden mit sich. Anschlieflend musste wieder los zum Gitarrenunterricht. Derweil kam meine Mutter mit Kuchen vorbei. Sie ist auch grade etwas krank, die Antibiotika, die sie gegen eine Blasenentz¸ndung genommen hatte, sind ihr auf den Magen geschlagen. Auflerdem ist sie leicht depressiv, wie oft um diese Zeit, aber sie liefl sich nichts anmerken und war entz¸ckt von Socke, den sie noch nicht kannte. Lotta kam nach Hause und wurde mit neuen Buntstiften beschenkt, zur Belohnung daf¸r, dass sie am Samstag den Mini-Marathon, die Sch¸lerveranstaltung des Berlin-Marathons, gelaufen war. Sofort begann sie zu malen, proklamierte dabei den ÑHerrn Ribbeckì, den sie f¸r die Schule lernen sollte, und ¸berredete uns dazu, ÑBunt sind schon die W‰lderì zu singen. Lilja bekam, als sie vom Musikunterricht heimkehrte, ebenfalls eine Marathon-Belohung: Geld, wie gew¸nscht, um Bastelsachen zu kaufen f¸r Weihnachtsgeschenke. Sie verbl¸ffte uns damit, dass sie ihren Text vom Theaterprojekt aufsagte: ÑDer schw‰rzliche Hinternì von Peter Hacks, ein sehr langes St¸ck in antiker Tradition in Hexametern gereimt. Gut, wenn ab und zu Grofleltern kommen und etwas vorgef¸hrt haben wollen!
Dann rief die andere Oma an, ebenfalls mit einer ‹berraschung: sie hat einen Flug in die T¸rkei gebucht und will mit Sven und den Kindern dort eine Woche Herbstferien im Sonnenschein verbringen! Ich werde hier bleiben, weil die Uni wieder beginnt und ich mich vorbereiten muss. Wenigstens habe ich nun einen Kater zur Gesellschaft! Er hat schon bewiesen, dass es sich mit ihm gut arbeiten l‰sst. Gerne sitzt er auf meinem Schofl und schnurrt, wenn ich tippe. Nur manchmal kommt er auf die Idee, den Mousezeiger haschen zu wollen.
Gegen 19 Uhr fuhr Sven meine Mutter zu einer Verabredung im OperncafÈ, w‰hrend Lotta sich Bettfertig machte. Lilja musste noch Hausaufgaben machen: einen Aufsatz zu den alten Griechen, ein Bittgebet an Zeus, ins Reine schreiben. Das zog sich hin, weil sie eine sehr komplizierte Sprache gew‰hlt hatte und viel nachschlagen musste. Wer weifl schon auf Anhieb, ob Ñb¸flenì mit Ñflì oder Ñssì geschrieben wird?
Ich kroch mit Lotta aufs Hochbett und las aus ÑJim Knopf und die Wilde 13ì vor. Es ging um ein Perpetumobil, um Scheinriesen und Halbdrachen. Die ÑWilde 13ì ist noch nicht aufgetaucht, obwohl ich mich zu vier ganzen Kapiteln ¸berreden liefl. Hinterher gab es noch ein paar Tr‰nen, weil beide M‰dchen den Kater im Bett haben wollten, aber der hat sowieso seinen eigenen Kopf und legte sich am Ende auf einen Schreibtischstuhl.
Anschlieflend las ich noch ein bisschen in dem Buch ÑDie freien Frauenì von Irina Liebmann, das meine Mutter mir mitgebracht hatte. Ich wurde aber nicht warm mit dem Text. Vielleicht, weil so viel Schneegestˆber vorkam und ich doch gerade erst versuche, mich an den Wechsel zum Herbst zu gewˆhnen!
Also beschloss ich, noch meine E-Mails abzurufen und stiefl dort auf Verenas Impuls, den heutigen Tag zu beschreiben. Et voil‡!
Ein schˆner Tag, alles in allem, muss ich sagen. Geruhsam und ein wenig sonderbar, weil ich es nicht gewˆhnt bin, Tage einfach so dahin pl‰tschern zu lassen. Fast ein bisschen unwirklich. Ich hab ein Gedicht von Trakl im Kopf, ÑIn den Nachmittag gefl¸stertì, das passt genau zur Jahreszeit:
Sonne, herbstlich, d¸nn und zag
Und das Obst f‰llt von den B‰umen.
Stille wohnt in blauen R‰umen
Einen langen Nachmittag.

Weiter weifl ichs nicht, nur die letzten Zeilen fallen mir noch ein, die passen auch:
ÑUnd zur milden Lampe drinnen
Kehrst du wie im Tr‰ume ein.ì

Wahrscheinlich wird es dazwischen noch ganz brutal oder morbid, aber das kann mir ja egal sein. Ich bin so froh, dass ich nicht mehr im Krankenhaus bin! Ob meine Bettnachbarin ihre neue OP ¸berlebt hat? Ich werde es nie erfahren.

katrin@schreibreisen.de

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