Ramona's 29. December 2005
29. Dezember 2005
... nun ist der Schnee zurückgekommen, so also kann Berlin sein, so unschuldig und ruhig dass selbst der Verkehr den Anschein von Dörflichkeit erweckt. Es ist merkwürdig, wo sonst sofort die Räumkommandos aktiv werden, hat sich heut niemand die Mühe gemacht, die Wege frei zu schippen, so ist alles in seiner Jungfräulichkeit wie am Morgen erhalten. Kein Unterschied zwischen Himmel und Erde. Kein Wunder, dass mein Ruf ohne Echo verhallt, es wird alles geschluckt von einer weißen Ewigkeit. Ich kann nicht mal meine eigenen Spuren entdecken, sie sind sofort wieder zugeschneit. Wie soll ich dann Spuren hinterlassen?
Ich sitze mit A. im Café und wir sehen dem Flockentreiben draußen zu. Komisch, seitdem wir uns vor zwei Jahren trennte, haben wir das beste Verhältnis miteinander. Wir haben uns mehr zu sagen als in der Zeit, als wir zusammen waren. Wahrscheinlich, weil jeder wieder sein eigenes Leben erlebt und daraus berichten kann. A. ist sich unsicher, ob er die Frau, mit der er sich seit geraumer Zeit trifft, weiter umwerben soll, es geht ihm zu langsam. Ich merke, wie ich zunehmend unruhig werde. Nicht, weil mich seine Nöte nicht interessieren, sondern weil es da draußen so wunderschön ist.
Ich renne nach Hause und hole meine Kamera. jetzt bin ich glücklich. Langsam laufe ich durch die Straßen, mach ein paar Schnappschüsse, wer weiß wie lange sich diese Pracht erhält. Euch in Montreal muss es fast lächerlich vorkommen, denn die paar Schneeflocken können sich mit den Massen sicher nicht messen. Aber wann ist Berlin schon mal so weiß... so friedlich, ich muss beim Straßeüberqueren aufpassen, weil ich die Autos nicht höre, ich habe ein Gefühl unbeschreiblicher Freiheit in mir.
Ich biege in die Knorrpromenade ein und gehe zu D., um ein paar CDs und ein Buch abzuholen, gerate mitten in eine wichtige Teamsitzung. D. wohnt und arbeitet hier, diese Räume sind gleichzeitig Geschäfts- und Vereinsräume. Der Verein will Künstler unterstützen, die von ihrer Kunst leben wollen, also Beratung und Coachung bei Finanzierung, Marketing, Existenzgründung etc. gemeinsam mit M. veranstalten wir hier eine offene Lesebühne, bei der junge (und auch ältere) Autoren ihre Texte zur Diskussion stellen können. Ich bin die einzige, die hier ausschließlich ehrenamtlich tätig ist, denn im Gegensatz zu den anderen habe ich eine feste Stelle und kann mir das leisten, alle anderen müssen mit dieser Arbeit irgendwie Geld verdienen. Ich setze mich also dazu, nehme die neuesten Informationen auf, am Ende reden wir über die Projekte, in die ich eingebunden bin. Mir gefällt, dass hier auch immer danach gefragt wird, was sich der einzelne für Perspektiven schaffen kann, und alle denken mit und überlegen, wie bestimmte Ressourcen miteinander verknüpft werden können. Ich fühle mich aufgehoben in diesem Kreis.
Zwei Stunden später bin ich dann auf dem Heimweg. Unterwegs komme ich noch bei Sheriban vorbei, einer Malerin und Schmuckgestalterin. Wir unterhalten uns kurz in ihrer Galerie, sie zeigt mir ihre aktuellen Kreationen.
Das ist Berlin Friedrichshain. ich lebe in einer Großstadt, aber der Kiez ist wie ein Dorf, in dem der Bäcker grüßt, die Freunde um die Ecke wohnen und glücklicherweise das Handy nicht die einzige Kommunikationsmöglichkeit ist.
Zu Hause ist es ruhig, mein Sohn Julian wird erst abends nach Hause kommen, ich koche Soljanka – das ist eine Wurstsuppe nach russischem Vorbild, bei der die ganzen Reste von Weihnachten verbraucht werden, ich hab einfach zu viel gekauft. Mit Ketschup, etwas Gemüse, sauren Gurken, viel Zitrone und einem Schuss saurer Sahne wird es ein leckeres Abendessen. Ich rufe Lisa an, meine Tochter, die eine Straße weiter wohnt, Julian bringt noch einen Kumpel mit und so sitzen wir schließlich zu viert in der kleinen Küche und lassen es uns gut gehen. Wir diskutieren, wie Julians 16. Geburtstag ablaufen soll, es wird gelacht und ehe ich es merke, ist es schon abends gegen sieben.
Ich bin noch mal mit A. verabredet, wir wollen uns in der Spätvorstellung Match Point von Woody Allan ansehen. Ob ich danach noch mal zum Schreiben komme, ist fraglich. Draußen liegt immer noch Schnee, aber es ist bereits ein graubrauner Schleier darüber (oder ist es das Laternenlicht?), die Autos hinterlasen schlierige Spuren und die Räumfahrzeuge kämpfen sich inzwischen in die Nebenstraßen durch. Wie gut, dass ich auf meine innere Stimme heut Mittag gehört habe. Morgen wird ein anderer Tag sein, ein anderer...
... nun ist der Schnee zurückgekommen, so also kann Berlin sein, so unschuldig und ruhig dass selbst der Verkehr den Anschein von Dörflichkeit erweckt. Es ist merkwürdig, wo sonst sofort die Räumkommandos aktiv werden, hat sich heut niemand die Mühe gemacht, die Wege frei zu schippen, so ist alles in seiner Jungfräulichkeit wie am Morgen erhalten. Kein Unterschied zwischen Himmel und Erde. Kein Wunder, dass mein Ruf ohne Echo verhallt, es wird alles geschluckt von einer weißen Ewigkeit. Ich kann nicht mal meine eigenen Spuren entdecken, sie sind sofort wieder zugeschneit. Wie soll ich dann Spuren hinterlassen?
Ich sitze mit A. im Café und wir sehen dem Flockentreiben draußen zu. Komisch, seitdem wir uns vor zwei Jahren trennte, haben wir das beste Verhältnis miteinander. Wir haben uns mehr zu sagen als in der Zeit, als wir zusammen waren. Wahrscheinlich, weil jeder wieder sein eigenes Leben erlebt und daraus berichten kann. A. ist sich unsicher, ob er die Frau, mit der er sich seit geraumer Zeit trifft, weiter umwerben soll, es geht ihm zu langsam. Ich merke, wie ich zunehmend unruhig werde. Nicht, weil mich seine Nöte nicht interessieren, sondern weil es da draußen so wunderschön ist.
Ich renne nach Hause und hole meine Kamera. jetzt bin ich glücklich. Langsam laufe ich durch die Straßen, mach ein paar Schnappschüsse, wer weiß wie lange sich diese Pracht erhält. Euch in Montreal muss es fast lächerlich vorkommen, denn die paar Schneeflocken können sich mit den Massen sicher nicht messen. Aber wann ist Berlin schon mal so weiß... so friedlich, ich muss beim Straßeüberqueren aufpassen, weil ich die Autos nicht höre, ich habe ein Gefühl unbeschreiblicher Freiheit in mir.
Ich biege in die Knorrpromenade ein und gehe zu D., um ein paar CDs und ein Buch abzuholen, gerate mitten in eine wichtige Teamsitzung. D. wohnt und arbeitet hier, diese Räume sind gleichzeitig Geschäfts- und Vereinsräume. Der Verein will Künstler unterstützen, die von ihrer Kunst leben wollen, also Beratung und Coachung bei Finanzierung, Marketing, Existenzgründung etc. gemeinsam mit M. veranstalten wir hier eine offene Lesebühne, bei der junge (und auch ältere) Autoren ihre Texte zur Diskussion stellen können. Ich bin die einzige, die hier ausschließlich ehrenamtlich tätig ist, denn im Gegensatz zu den anderen habe ich eine feste Stelle und kann mir das leisten, alle anderen müssen mit dieser Arbeit irgendwie Geld verdienen. Ich setze mich also dazu, nehme die neuesten Informationen auf, am Ende reden wir über die Projekte, in die ich eingebunden bin. Mir gefällt, dass hier auch immer danach gefragt wird, was sich der einzelne für Perspektiven schaffen kann, und alle denken mit und überlegen, wie bestimmte Ressourcen miteinander verknüpft werden können. Ich fühle mich aufgehoben in diesem Kreis.
Zwei Stunden später bin ich dann auf dem Heimweg. Unterwegs komme ich noch bei Sheriban vorbei, einer Malerin und Schmuckgestalterin. Wir unterhalten uns kurz in ihrer Galerie, sie zeigt mir ihre aktuellen Kreationen.
Das ist Berlin Friedrichshain. ich lebe in einer Großstadt, aber der Kiez ist wie ein Dorf, in dem der Bäcker grüßt, die Freunde um die Ecke wohnen und glücklicherweise das Handy nicht die einzige Kommunikationsmöglichkeit ist.
Zu Hause ist es ruhig, mein Sohn Julian wird erst abends nach Hause kommen, ich koche Soljanka – das ist eine Wurstsuppe nach russischem Vorbild, bei der die ganzen Reste von Weihnachten verbraucht werden, ich hab einfach zu viel gekauft. Mit Ketschup, etwas Gemüse, sauren Gurken, viel Zitrone und einem Schuss saurer Sahne wird es ein leckeres Abendessen. Ich rufe Lisa an, meine Tochter, die eine Straße weiter wohnt, Julian bringt noch einen Kumpel mit und so sitzen wir schließlich zu viert in der kleinen Küche und lassen es uns gut gehen. Wir diskutieren, wie Julians 16. Geburtstag ablaufen soll, es wird gelacht und ehe ich es merke, ist es schon abends gegen sieben.
Ich bin noch mal mit A. verabredet, wir wollen uns in der Spätvorstellung Match Point von Woody Allan ansehen. Ob ich danach noch mal zum Schreiben komme, ist fraglich. Draußen liegt immer noch Schnee, aber es ist bereits ein graubrauner Schleier darüber (oder ist es das Laternenlicht?), die Autos hinterlasen schlierige Spuren und die Räumfahrzeuge kämpfen sich inzwischen in die Nebenstraßen durch. Wie gut, dass ich auf meine innere Stimme heut Mittag gehört habe. Morgen wird ein anderer Tag sein, ein anderer...
