Um fünf schau ich schon auf den Wecker - kann ich noch ein bißchen schlafen? Heute morgen um sieben soll Olga zum erstenmal kommen und da will ich doch schon angezogen sein. Also im Halbschlaf bis der Wecker klingelt, Jörg hat den Frühstückstisch gedeckt und ist schon weggefahren. Tatsächlich kommt Olga sehr pünktlich, wir wecken die Kinder gemeinsam. Lenja hat sie erstaunlich schnell als neue Bezugsperson akzeptiert, obwohl wir uns erst seit ein paar Tagen kennen. Nach langer Suche nach Au-Pairs oder ähnlichem haben wir schließlich einen Volltreffer gelandet - Olga kommt aus Estland, hat schon als AuPair gearbeitet, wohnt jetzt aber in Bremen bei ihrem Freund und sucht einen Job, bis sie im Herbst ihre Erzieherinnenausbildung anfängt. Und ohne den Stellenmarkt auf Bremen online hätten wir wohl nie zueinander gefunden!
Joris ist morgens immer schnell, macht alles ganz selbstständig und geht auch pünktlich los zur Schule. Lenja braucht immer eine Weile, heute ist sie aber ganz aufgeregt, weil Olga sie das erste Mal alleine in den Kindergarten bringt.
Um halb neun sind alle weg, ich überfliege die Zeitungen. Die taz hat ein sehr lustiges Titelbild. Überschrift : 100.000 Arbeitslose weniger, darunter je ein Bild von Schröder und Merkel, beide heben die Hand und rufen: Ich war´s! Das Gerangel um den Kanzlerposten nimmt kein Ende, beide grossen Parteien beharren darauf, dass sie den Kanditaten bzw. die Kandidatin stellen dürfen; das kann noch heiter werden...
Nächste Woche fange ich meinen neuen Job an und muss noch verschiedenen Telefonate tätigen, mit der Ärzteversorgung und der Ärztekammer, rausfinden wie ich mit öffentlichen Verkehrsmitteln nach Osterholz-Scharmbeck komme und so was. Ausserdem braucht das Haus eine gewisse Grundreinigung bzw. Aufräumaktion, weil Olga ja zumindest wissen muss, was wohl wohin gehört. Und abends soll Gerrit kommen, ein Freund und Ex-Kollege von Jörg aus Gelsenkirchen, der mittlerweile Chefarzt der Kinderklinik geworden ist. Bis Sonntag ist nämlich Kinderärztekongress in Bremen, 3.500 TeilnehmerInnen werden erwartet. Also muss auch noch das ehemalige Au-Pairzimmer geputzt, das Bett bezogen, die dort zwischenzeitlich abgesammelten Sachen weggeräumt werden. Olga kommt um 12 von ihrem Sprachkurs wieder und wir putzen gemeinsam die Böden und Bäder. Um kurz vor eins schiebe ich schnell eine Pizza in den Ofen, mach einen Salat dazu (der Vitamine wegen...). Joris steht mit zwei Klassenkameraden vor der Tür, die heute hier bleiben wollen - da ich aber bald weg muss und Olga nicht mit den ganzen Kindern alleine lassen will, schick ich sie wieder nach Hause. Joris hat seine ersten beiden benoteten Arbeiten in Deutsch und Mathe zurückgekriegt - beides eine eins, das findet er aber nicht weiter bemerkenswert.
Dann geht Olga Lenja abholen, ich sammel meine Sachen zusammen - heute ist nämlich eine Fortbildung in meinem neuen Krankenhaus und ich wollte auf jeden Fall schon mal guten Willen beweisen und daran teilnehmen. Ausserdem kann ich dann schon mein Fahrrad mitnehmen, das ich dort am Bahnhof stehen lassen will und den Weg erkunden - bisher war ich nämlich nur einmal mit dem Auto dort. Und wer kennt sich schon in Osterholz-Scharmbeck aus?? Plötzlich wird es hektisch, ich muss noch meine Monatskarte für Oktober kaufen, brauche Geld, ein Fahrradschloss, meinen Zugfahrplan, Olga braucht Instruktionen (um 15:00 Uhr 30 Lenja zum Flötenuntericht, dann Joris zum Musikunterricht bringen, Lenja geht danach zu Alissa, Joris muss wieder abgeholt werden...).
Als ich schließlich losfahren will, geht gerade ein Hagelschauer nieder; glücklicherweise ist der aber schnell vorüber - Bremen eben, da bleibt das Wetter nie lange wie es ist. Trotzdem werde ich nass auf dem Weg zur BSAG, zahle dann 71 Euro für mein Ticket, am Bahnhof noch mal Fahrkarten aus dem Automaten, weil ich ja auch das Fahrrad mitnehmen will, schlepp es die Treppen hoch zum Bahnsteig und kriege gerade noch den Zug. Die Fahrt dauert nur eine Viertelstunde. So werde ich jetzt wohl an vielen Morgen zum Bahnhof hetzen... In Osterholz ist das Wetter wieder perfekt, knallblauer Herbsthimmel und ich finde den Weg zum Krankenhaus ganz schnell. Es geht allerdings erstaunlich viel bergauf, das wird anstrengend morgens. Letztendlich bin ich zu früh, die Fortbildung fängt erst um 4 an und ich habe noch eine halbe Stunde Zeit. Also mache ich mich auf die Suche nach meinen zukünftigen Kolleginnen. Auf der Gyn-Station treffe ich auf eine Hebamme, stelle mich vor und werde gleich in den Kreisssaal mitgenommen. Nach und nach trudeln auch die anderen ein, sie sind alle sehr freundlich, sehr lustig und augenscheinlich froh, dass ich die Stelle bekommen habe. Das Krankenhaus an sich ist ja miniklein, die geburtshilfliche Abteilung mit 450 Geburten im Jahr auch, und es herrscht eine sehr familiäre und entspannte Atmosphäre. Nach 6 Jahren aus der Klinik ein seltsames Gefühl, wieder wie selbstverständlich im Kreissaal zu sitzen und mit den Hebammen zu plaudern, sofort wieder ungemein vertraut und angenehm. Schließlich taucht auch meine Kollegin auf, seeehr jung (26, stellt sich später heraus), ganz nett. Sie wollen die geburtshilfliche PDA einführen, weil die Geburtenzahhlen zurückgehen - wie überall - und das Überleben der Abteilung auch davon abhängt, mehr Schwangere wieder für das Haus zu interessieren. Und heutzutage gehört es eben zum Standard, dass PDA´s angeboten werden. Ich persönlich halte ja nicht viel davon, es ist schwierig, unter der Geburt den richtigen Zeitpunkt zu finden. Ausserdem ändert es alles, wenn eine Gebärende weiss, dasss sie theoretisch die Möglichkeit einer "schmerzfreien" Geburt hat - warum sollte sie dann überhaupt Wehenschmerzen aushalten? Meistens klappt es aber nur bedingt, und wenn dann die Wirkung der PDA nachlässt, sind die Schmerzen um so überwältigender. Natürlich muss ich auch an meine Geburten denken - ganz ohne Schmerzmittel und ganz ohne Technik und in meiner vertrauten Umgebung. Tja, und bald bin ich dann wieder diejenige, die am Bett der Frauen steht und versucht möglichst wenig zu stören bei der Geburt.
Dann stellt sich heraus dass die Veranstaltung doch über zwei statt über eine Stunde geht, ich muss also zu Hause anrufen und die weitere Kinderbetreuung organisieren, hab aber nur den AB dran. Hoffentlich klappt alles!
Die Fortbildung wird von den beiden Anästhesie-Chefärzten gemacht, nicht viel älter als ich, nicht so supersympathisch aber ganz okay. Und ich erinnere mich daran, wie ich in meinen Anfangszeiten - 1994 !!! - selber gelernt habe PDAs zu legen. Als das Puntionsbesteck rumgegeben wird zu Demonstrationszwecken erinnere ich mich genau, wie sich die Nadel anfühlt wenn sie richtig liegt. Erstaunlich, aber plötzlich habe ich wieder richtig Lust auf Medizin, auch auf die Dinge die man mit den Händen tut, untersuchen, operieren, nähen, die letzten Jahre hinter dem Schreibtisch waren schon sehr verkopft, sehr intellektuell, sehr wenig am Menschen. Nachdem wir dann gehört haben, was es alles für gräßliche Komplikationen geben kann, dürfen wir noch am Phantom beatmen üben - und auch das funktioniert ohne nachzudenken, als hätte ich nie was anderes gemacht. Ich bin selber verblüfft darüber, wie leicht ich mich da wieder einfüge, welche Begriffe in meinem Kopf noch sofort abrufbar sind. Bevor ich gehe guckt mich die Oberhebamme kurz an - sie heisst übrigens Iris- und sagt: Ich bin echt froh, dass gerade du hier anfängst! Da wird mir doch ganz warm um´s Herz.
Claudia, die junge Kollegin, muss noch eine Aufklärung machen, will mich aber dann mitnehmen nach Bremen. Wir verabreden, dass sie mich am Bahnhof abholt, denn ich muss ja das Fahrrad dort wieder hinbringen. Dort steh ich dann in der Nachmittagssonne und warte ziemlich lange, hoffe dass das mit den Kindern geklappt hat und bin ganz guter Dinge. Auf der Heimfahrt erzähle ich ein bißchen von mir, und höre, dass die andere Bewerberin wohl eine totale Langweilerin war (?), ausserdem auch Anfängerin in der Gyn. Da sind sie natürlich alle froh, dass sie jemanden wie mich gefunden haben. Das witzige ist ja, dass ich jetzt von den 3 (in Worten drei) Assistenzärzteinnen die mit der meisten Erfahrung bin, obwohl ich ja selber eher das Gefühl hatte, schon ganz schön weit weg zu sein von dem Ganzen.
Zu Hause sitzt Olga mit Lenja beim Malen, Jörg und Gerrit sind auf dem Kongress (bei einem Milupa gesponserten Essen), ich bin ein bißchen genervt, weil es schon fast sieben ist und noch kein Abendbrot gegessen wurde. Also mache ich schnell Schnittchen, schicke die Kinder zum Ausziehen und ködere sie damit, dass sie "Verliebt in Berlin" im Fernsehen sehen dürfen - die Soap, die mich durch mein letztes halbes Hausfrauenjahr begleitet hat. Olga kommt jetzt erst am Dienstag wieder - wenn es ernst wird mit dem Arbeiten! Am meisten stresst mich eigentlich die Tatsache, dass halt das alles mit den Kindern ja weiterhin organisiert werden muss, und wenn wir jetzt beide wieder so viel arbeiten, wird es einfach schwierig. Ausserdem hab ich es durchaus genossen, mich mal "nur" um die Kinder kümmern zu können, sie sind ja mittlerweile schon ziemlich selbstständig und der Alltag mit Ihnen macht Spass. Und ich finde Olga zwar klasse,letztendlich kenne ich sie aber ja erst seit einer Woche, und sowohl Jörg wie auch ich arbeiten nicht in Bremen, das heisst, wenn wirklich irgendetwas Dramatisches passiert, brauchen wir eine ganze Weile bis wir zu Hause sind. Naja, wird schon gutgehen...
Joris will statt Buchlesen mir heute Abend seine Schulsachen zeigen, also gucke ich mir alle Rechen-, Schreib- und Sachkundemappen an. In Mathe gehen seiner Lehrerin immer wieder die Zettel für ihn aus, weil er einfach viel schneller ist als alle anderen und auch mittlerweile schon relativ komplizierte Textaufgaben rechnet. Hausaufgaben mit dem 2er Einmaleins langweilen ihn da eher.. In Sachkunde malen sie gerade Landkarten, das findet er super.
Etwas ermattet lasse ich mich vor den Fernseher sinken - eine merkwürdiges Quiz zum Tag der Deutschen Einheit wo Ex-Politiker wie Walter Momper und Lothar de Maziere, Schauspielerinnen und Moderatoren ihre Kenntnisse über Deutschland unter Beweis stellen.
Dann ruft Vera noch an von der medizinischen Flüchtlingshilfe. Ich hatte sie um Hilfe gebeten, weil in Lenja´s Kindergartengruppe ein Junge aus Togo ist, der mit seiner Mutter jetzt abgeschoben werden soll. Der Junge hatte einen schweren Herzfehler, der mittlerweile operiert ist, leidet an Epilepsie und ist insgesamt deutlich entwicklungsverzögert. Im Kindergarten hat er einen Intergrationsplatz und in den letzten zwei Jahren Superfortschritte gemacht, fängt an zu sprechen und ist auch viel netter geworden. Und jetzt argumentieren die Behörden so, dass gerade weil er so gute Fortschritte gemacht hat, er jetzt auch genauso gut in Togo weiterbehandelt werden könnte und somit kein Grund für Asyl mehr vorliegt. Das ist doch wohl mehr als zynisch! Wir wollen jetzt versuchen, über medizinische Atteste oder eventuell über die Härtefallkommisission zumindest erst mal eine Aussetzung der Abschiebung zu erreichen.
Ja, das war mein Tag. Kurz hatte ich ja noch überlegt, ob ich auf Jörg warten soll, immerhin hatten wir uns den ganzen Tag nicht gesehen - das hab ich dann aber glücklicherweise nicht gemacht, er kam nämlich erst morgens gegen 5 völlig betrunken nach Hause, seine beiden Kollegen waren vom Fahrrad gefallen auf der Heimfahrt, er immerhin ohne Blessuren hier angekommen.